Seit ich mich professionell mit Social Media auseinandersetze gerate ich, natürlicherweise immer wieder in Gespräche rund um die Sinnhaftigkeit von Facebook, Twitter und Co. In diesen Gesprächen versuche ich immer möglichst einfach zu erklären, dass es sich lediglich um neue Kanäle der Kommunikation handelt, die kein Bedrohungsszenario darstellen sondern neue Wege eröffnen. Ein besonders krasses Beispiel zu dieser Angstdebatte habe ich etwa einem Monat in der Financial Times gefunden.
 
 
 
Lucy Kellaway lässt sich in Ihrem Kommentar „Die Facebook Kluft“ eindringlich darüber aus, dass für über 40 jährige der Zug abgefahren ist und sich die Betroffenen nun bei Plattformen anmelden müssen, bei denen Sie gar nicht dabei sein wollen. Dabei begeht sie einige ganz grundliegende Denkfehler – ich gehe davon aus, dass die Redakteurin ganz bewusst polarisieren will.
 
 
„Nichts, so scheint mir, trennt die Jungen von den nicht mehr ganz so Jungen wie soziale Netzwerke.“
Zugegebnermaßen stehen wir derzeit vor einer Entwicklung die in unserem System nicht vorgesehen ist. Bis dato hat immer gegolten: die „Jungen“ werden von den „Alten“ gelehrt, frei nach dem Motto „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Was Social Media angeht, sind die „Alten“ nun darauf angewiesen von den „Digital Natives“, also jenen Menschen die mit Computern und Internet groß geworden sind, zu lernen. Das dreht die bisher geltenden Regeln und schafft Unsicherheit und diese Unsicherheit lässt sich am einfachsten mit Ablehnung kompensieren und verschafft ein bisschen Luft, löst aber letztendlich nicht das Problem der Unsicherheit. Die Lösung wird darin liegen einen offenen Zugang zum Thema zu erschließen und freudig neues zu lernen, wer mauert wird zum Analphabeten der Zukunft.
 
 
„Wenn’s sein muss, kommt meine Generation auch mit Twitter zurecht. Der Kurznachrichtendienst ist nur eine Art von Angeberei, und protzen können wir genauso gut wie alle, die ein oder zwei Jahrzehnte nach uns geboren sind.“
Ganz offensichtlich hat sich Kellaway noch nie, vielleicht aus der oben diagnostizierten Unsicherheit heraus, mit Twitter beschäftigt. Twitter funktioniert nun mal nur, wenn man sich austauscht, also kommuniziert – Angeber werden nicht rezipiert und nutzen Twitter irgendwann nicht mehr. Einfacherweise lässt Sie dabei außen vor, dass der Dienst Möglichkeiten der Informationsweitergabe an eine breite Maße in Echtzeit erschließt, die in dieser Form für Einzelpersonen noch niemals möglich waren. Egal ob es dabei um die Wahlen im Iran geht oder eine Twitterwall eine direkte Verbindung zwischen Publikum und Referenten herstellen.
„Wenn wir uns mit mehreren Freunden gleichzeitig befassen müssen, drehen wir durch.“
Ein Kommentator direkt beim Artikel auf Financial Times gibt es meiner Meinung nach ganz richtig wieder. Auch Personen jenseits der 40 waren schon einmal auf einer Feier, ganz physisch, mit mehr als einer Person im Gespräch und haben sich dort mit mehreren Freunden gleichzeitig beschäftigt. Jeder Mensch mit einem einigermaßen gesunden Sozialverhalten ist in der Lage das zu tun ohne durchzudrehen. Dies einfach auf Facebook zu übersetzen ist zu einfach gegriffen, der Dienst funktioniert als Plattform für die Dinge die man über sich preisgeben möchte. Will ich nichts, oder nur wenig preisgeben, kann ich die Informationen so einschränken und individualisieren, dass nur meine „wirklichen“ Freunde mit mir zu tun haben. Bin ich offener, gestalte ich mein Profil offener. Eine kurze Auseinandersetzung und das Lesen von Tutorials zu Facebook stellen das auch für EinsteigerInnen klar.
„Dagegen ist der Gedanke gänzlich unverständlich, dass Kommunikation zu einer willkürlich in den Raum geworfenen Mitteilung an 500 “Freunde” über das am Abend zuvor Erlebte wird.“
Eine Statusmeldung auf Facebook ersetzt niemanden, und davon bin ich überzeugt, die sozialen Kontakte, die Statusmeldung öffnet lediglich einen neuen Kanal. Ich kann verstehen, dass Menschen in der Mitte ihres Lebens darauf anders regieren und diesbezüglich vorsichtiger sind, als junge Menschen, die eine gewisse Öffentlichkeit im Netz als normal empfinden. Nicht alles war dort zu lesen ist, ist interessant, vieles derb, das meiste schnell wieder vergessen. Die Kunst liegt darin die Perlen zu filtern und in einen halböffentlichen Austausch zu bringen, gerade diese Halböffentlichkeit bietet durch neue Inputs die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern. Während man in der 1:1 Kommunikation mit den immer selben Leuten den eigenen Sud umrührt und letztendlich auf der Stelle tritt.
„Ich habe meine Kinder gebeten, mir Facebook zu erklären, bin aber genauso schlau wie vorher. Sie können es nicht erklären, weil sie meine Fragen nicht verstehen. Das Ausmaß meiner Verwirrung gibt für sie hinten und vorn keine Sinn.“
Ich kenne Kellaways Kinder nicht, ich kenne auch die didaktischen Fähigkeiten ihrer Kinder nicht, wundere mich aber schon warum Menschen wie diese Redakteurin davon ausgehen, dass jedeR „Digital Native“ gleich gut geeignet ist Fragen zu beantworten. Wohlgemerkt befinde ich mich damit im Tal der Spekulation und vielleicht sind ihre Kinder auch höchstgradig geeignet, aber der Zugang an sich ist mir nicht unbekannt. Geht es, vor allem in Unternehmen, darum dass sich jemand um Social Media kümmert, wird meist jemand im Alter zwischen 20 und 30 gewählt ohne zu hinterfragen wie tief das Wissen rund um den Einsatz von Social Media geht. Letztendlich entwickelt sich hier nichts anderes wie ein weiteres Klischee, genau wie alle Österreicher schifahren können, alle Asiaten Kampfsportler sind und, und, und. Aber auch diesbezüglich wird es eine natürlich Auslese geben und nicht mehr jeder, der einen Facebook-Account hat, ein Social Media Experte sein.
„Eine Freundin meiner Tochter klagte vor Kurzem, sie könne ihrem Großvater nicht zum Geburtstag gratulieren, weil er nicht auf Facebook ist. Den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, geschweige denn, eine Geburtstagskarte zu kaufen kam ihr nicht in den Sinn. Wollen wir also künftig noch Geburtstagskarten erhalten – oder uns mit Personen unter 40 unterhalten -, müssen wir Mitglied auf Facebook werden, ob wir es nun verstehen oder nicht.“
Meine Lieblingsstelle im Artikel. Hier wird im mit einem massiv überspitzen Beispiel versucht ein Angstszenario aufzubauen, dass schlichtweg nicht stimmt. Niemand wird behaupten, dass junge Menschen zu wenig telefonieren, viele Eltern klagen über die hohen Rechnungen ihrer Stammhalter. Die Technologie ist längst noch nicht überholt. Sollte das Beispiel tatsächlich so passiert sein, was ich in Zweifel ziehe, sollte sich die betreffende Mutter ob der Intelligenz ihres Kindes sorgen machen. Es stimmt, Facebook ist ein extrem wachsendes Netzwerk, aber noch lange nicht der einzige Kommunikationskanal. Ich kann mich zurückerinnern, dass ich mit 15 Jahren um die Erlaubnis ein Wertkartenhandy kaufen zu dürfen, mit meinen Eltern kämpfen musste. Damals verstand niemand wozu ein Jugendlicher ein solches Statussymbol braucht, heute ist es Standard. So sehr sich meine Eltern damals gewehrt haben, mittlerweile haben sie nicht einmal mehr einen Festnetzanschluss, und genau diese Entwicklung werden die neuen Kommunikationskanäle auch nehmen, egal ob Angstbeißer versuchen sich aufzulehnen oder nicht.
 
 
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Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
(Victor Hugo)