Du kennst sie. Du hast sie wahrscheinlich gelesen. Die gut gemeinten Ratschläge, die klingen, als kämen sie direkt aus dem Germanistik-Seminar.
Sie nennen es „Schreiben fürs Hören“.
Die Regeln lauten: „Bilde kurze Sätze.“ „Vermeide Passivkonstruktionen.“ „Mehr Verben, weniger Nomen.“ Und am Ende sollst du einen „Sprechtest“ machen und deinen Text „ohne Gnade“ kürzen.
Das ist alles handwerklicher Unsinn. Und es ist der sicherste Weg, jeden Funken Menschlichkeit, jede Spur von Autorität und jede Chance auf eine echte Verbindung mit deinem Hörer zu töten.
Es ist der Podcast-Killer Nr. 1.
Warum „Schreiben fürs Hören“ dein Vertrauen zerstört
Wenn du als etablierter Coach, als gefragter Berater oder als Experte dein wertvollstes Gut verkaufen willst – nämlich Vertrauen –, dann ist das Letzte, was du tun darfst, einen Text vorzulesen.
Sobald du anfängst, Wort für Wort zu skripten, passiert ein psychologischer Kurzschluss:
- Du wechselst vom Experten-Modus (frei, assoziativ, kompetent) in den Vorlese-Modus (mechanisch, steif, analytisch).
- Dein Gehirn ist nicht mehr beim Thema, sondern bei der Performance. Du konzentrierst dich darauf, die „richtigen“ Worte fehlerfrei abzulesen.
- Du schaltest deinen internen Kritiker ein, der über „Passivsätze“ und „Füllwörter“ wacht.
Dein Hörer merkt das sofort. Er hört keinen Menschen. Er hört einen Sprech-Roboter, der einen Text abarbeitet.
Das Ergebnis ist ein seelenloses Audio-Produkt ohne Ecken und Kanten. Und genau diese Ecken und Kanten – das „Ähm“, die kurze Pause zum Nachdenken, das Lachen, das Neu-Ansetzen eines Satzes – sind der Beweis deiner Menschlichkeit. Es ist der Grund, warum man dir vertraut.
Die „Makel“ SIND die Botschaft
Im Coaching und in der B2B-Beratung kaufst du nicht bei dem, der am „glattesten“ spricht. Du kaufst bei dem, dem du deine Probleme anvertraust.
Wenn du jeden „Makel“ aus deinem Text „ohne Gnade“ herausredigierst, redigierst du deine Authentizität heraus. Du polierst die Seele weg.
Die Jagd nach „perfekt geschriebenen“ Sätzen ist ein Symptom für die Angst vor der eigenen, ungeskripteten Expertise. Es ist ein Mangel an Vertrauen in die eigene Kompetenz.
Der strategische Ansatz: Sprich, lies nicht
Heißt das, du sollst dich planlos vor ein Mikrofon setzen und losplappern? Nein. Das ist das andere Extrem.
Ein Stratege schreibt kein Skript. Ein Stratege entwirft einen Fahrplan.
Der Unterschied ist fundamental. Ein Skript ist ein Gefängnis. Ein Fahrplan ist ein Geländer. Er gibt dir Struktur, aber lässt dir die Freiheit, der Experte zu sein, der du bist.
Dein neuer Prozess sollte so aussehen:
1. Die EINE Botschaft definieren
Was ist der eine Gedanke, den dein Hörer nach 20 Minuten mitnehmen soll? Nicht zehn. Einer. (Das ist der innerste Kreis deines Podnavi-Modells – dein „Warum“).
2. Den Fahrplan erstellen (in Stichpunkten)
Erstelle ein Dokument mit 5 bis 7 Stichpunkten. Das ist dein roter Faden. Das sind deine „Haltestellen“.
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Der Haken (Hook): Das Problem, das du sofort ansprichst.
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Punkt 1: Die falsche Annahme (z.B. „Man muss fürs Hören schreiben“).
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Punkt 2: Das wahre Problem (z.B. „Es tötet die Authentizität“).
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Punkt 3: Die Lösung (z.B. „Der strategische Fahrplan“).
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Der Appell (CTA): Was soll der Hörer jetzt tun?
Formuliere diese Punkte niemals aus. Nur Stichworte. Vielleicht die eine oder andere Zahl oder ein Zitat, das du parat haben willst.
3. Aus dem Experten-Hirn sprechen
Wenn du aufnimmst, sieh diese Stichpunkte als deine Gesprächspartner. Sprich frei. Vertraue darauf, dass du dein Thema beherrschst. Wenn du dich verhaspelst, egal. Sprich den Satz nochmal. Wenn du ein „Ähm“ machst, perfekt – du denkst nach.
Du sprichst nicht zu 10.000 anonymen Hörern. Du sprichst zu „Martina“, deiner idealen Kundin, die dir gegenübersitzt und ein echtes Problem hat.
Fazit: Hör auf, Texte zu polieren. Fang an, Haltung zu zeigen.
Hör auf, dich hinter „Schreibregeln“ zu verstecken. Diese Regeln sind ein Sicherheitsnetz für Leute, die ihrem eigenen Wissen nicht trauen.
Du bist Experte. Dein Wert liegt nicht in „perfekten Aktivsätzen“. Dein Wert liegt in deiner Erfahrung, deiner Empathie und deiner ungeschliffenen, ehrlichen Haltung.
Trau dich, ein Mensch zu sein. Alles andere ist nur Lärm.
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