Ehrlich gesagt Podcast von Daniel Friesenecker

Pflegekräfte gewinnen: Warum sie sich beim Team bewerben

Daniel Friesenecker

Stethoskop liegt auf Dokumenten – medizinische Beratung und Aufklärung.

Szene · Kreißsaal

Von Daniel Friesenecker · Stand: November 2026 · Lesezeit 7 Minuten

Eine Hebamme erzählt mir, worauf sie im Kreißsaal achtet. Auf die Tonlage der Frau. Wenn die Stimme kippt, werden die Schmerzen stärker, oft bevor die Frau selbst etwas sagt.

Sie schaut auch auf die Füße. Ob sie nach innen fallen oder nach außen, macht einen Unterschied. Sie erklärt mir, warum. Ich sitze daneben und vergesse für ein paar Minuten, dass das eine Aufnahme ist.

Das ist Handwerk. Und es ist Nähe, die in Sekunden entsteht.

Genau das sucht eine junge Hebamme oder Pflegekraft, wenn sie überlegt, wo sie anfangen will. Sie will wissen, ob da Leute arbeiten, die so hinschauen. Und ob die ihr das beibringen.

In eurer Stellenanzeige steht davon nichts. Da steht „wertschätzendes Team“.

Kurz gesagt

Pflegekräfte und Hebammen entscheiden sich für ein Team, und dieses Team wollen sie vorher hören. Stellenanzeigen beschreiben das Haus, Bewerberinnen fragen nach Station, Leitung und Nachtdienst. Ein Podcast, in dem eure Leute über ihre Arbeit reden, macht das von außen hörbar, wenn er über Monate läuft und im Bewerbungsprozess vorkommt.

Warum bringt noch eine Stellenanzeige kaum Bewerbungen?

Weil alle Anzeigen gleich klingen. Wertschätzung, flexible Dienstpläne, moderne Ausstattung. Das schreibt jedes Haus, also liest es keiner mehr.

Dazu kommt die Rechnung. Laut Pflegepersonalbedarfsprognose der Gesundheit Österreich braucht das Land bis 2030 rund 51.000 zusätzliche Pflegepersonen. Jedes Krankenhaus, jedes Heim und jede mobile Pflege sucht gleichzeitig. In derselben Region. Mit denselben Sätzen.

Der Nachwuchs ist dabei gar nicht das größte Problem. Die Oö. Gesundheitsholding meldete im Jänner 2025 für ihre Pflegeschulen 319 Bewerbungen auf 294 Plätze, die Zahl der Auszubildenden hat sich seit 2019 mehr als verdreifacht. Die Leute kommen. Die Frage ist, wo sie nach dem Abschluss anfangen. Und wo erfahrene Kräfte hinwechseln, wenn sie genug haben.

Diese Entscheidung fällt selten auf der Karriereseite. Sie fällt im Gespräch mit einer Kollegin, die schon dort war.

Was wollen Pflegekräfte wissen, bevor sie sich bewerben?

Sie wollen wissen, wie es auf der Station zugeht. Wer die Leitung ist, wie die Nächte laufen, wer neben ihnen steht, wenn es eng wird. Das sind andere Fragen als die, die eine Anzeige beantwortet.

Was in der Anzeige steht Was die Bewerberin wissen will
Wertschätzendes Team Wie redet meine Stationsleitung mit Leuten, wenn etwas schiefgeht?
Flexible Dienstplanmodelle Wie oft ruft mich jemand am freien Tag an?
Strukturierte Einarbeitung Wer steht in meiner ersten Nacht neben mir?
Fort- und Weiterbildung Bringt mir hier jemand bei, worauf es im Alltag wirklich ankommt?

Die rechte Spalte stellt man nicht dem Haus. Man stellt sie den Leuten, die dort arbeiten. Wer niemanden kennt, bekommt keine Antwort und bewirbt sich dort, wo er jemanden kennt.

Aus meiner Sicht ist das der eigentliche Engpass: Euer Team ist gut, aber außerhalb des Hauses kennt es niemand.

Wie wird ein Team von außen hörbar?

Indem die Leute von der Station reden. Die Geschäftsführung kommt höchstens einmal vor, als Gast. Ein guter Recruiting-Podcast klingt wie ein Gespräch im Aufenthaltsraum, nur aufgenommen.

Ein Format, das trägt: zwei Leute aus demselben Bereich, eine erfahrene Kollegin und jemand, der vor einem Jahr angefangen hat. Ein Thema pro Folge. Die erste Nacht. Der Fehler, über den man heute lacht. Was man im Kreißsaal an der Stimme hört.

Dafür braucht es kein Studio. Aufgenommen wird im Haus, in einem ruhigen Raum, mit mobilem Equipment. Wichtiger ist die Vorbereitung. Mitarbeitende reden erst offen, wenn sie merken, dass die Frage wirklich ihnen gilt. Wie das geht, steht im Artikel über Medientraining für den Podcast.

Die Hebamme vom Anfang hat übrigens keinen Satz über Wertschätzung gesagt. Sie hat über Füße geredet.

↳ ehrlich gesagt: besser als jedes Imagevideo, das ich kenne.

Was darf ein Haus öffentlich sagen und was nicht?

Mehr, als die meisten glauben. Patientendaten und Einzelfälle bleiben draußen, das ist klar. Alles andere ist eine Frage der Freigabe, und die lässt sich vorher regeln.

Wie weit das geht, zeigt Platz da!?, der Podcast der Kinder- und Jugendhilfe Oberösterreich. Ein Thema, bei dem jede Behörde lieber schweigt. Dort reden Fachkräfte, Jugendliche und Pflegeeltern. Zwei Staffeln, 26 Folgen, inzwischen im dritten Jahr.

Was dafür nötig ist: eine Person, die Folgen freigibt, und eine Frist. Höchstens zwei Runden, höchstens eine Woche. Wer Freigaben über fünf Abteilungen schickt, hat nach drei Monaten einen Podcast mit zwei Folgen. Mehr dazu im Artikel über den Redaktionsplan für institutionelle Kommunikation.

Woran merkst du nach sechs Monaten, ob es wirkt?

An Bewerbungsgesprächen, in denen jemand eine Folge erwähnt. Das ist die Zahl, die zählt. Downloads sind bei einem regionalen Recruiting-Podcast klein, und das ist in Ordnung. Ein Podcast für Pflegekräfte in einer Region braucht die richtigen 200 Hörer.

Damit du das messen kannst, kommt eine Frage in jedes Bewerbungsgespräch: „Wie bist du auf uns gekommen?“ Dazu eine zweite Zahl: Wie oft teilen eure eigenen Leute eine Folge? Wer seine Kollegin im Podcast hört und den Link weiterschickt, macht genau die Empfehlung, die sonst keiner organisieren kann.

Warum niedrige Downloads oft das falsche Signal sind, steht im Artikel Unternehmenspodcast mit wenig Downloads.

Fünf Fragen, bevor ihr startet

1. Wer auf der Station würde gern über die eigene Arbeit reden?

2. Wer gibt Folgen frei, und in welcher Frist?

3. Wo taucht die Folge auf: Karriereseite, Stellenanzeige, Mail an Bewerberinnen?

4. Wer stellt im Bewerbungsgespräch die Frage, wie jemand auf euch gekommen ist?

5. Haltet ihr zwölf Folgen durch, auch wenn nach der dritten noch keiner anruft?

Wann hilft ein Podcast beim Recruiting nicht?

Wenn das Klima auf der Station wirklich schlecht ist. Dann macht ein Podcast das nur lauter. Bewerberinnen merken es spätestens in der Probewoche, und dann redet die ganze Region darüber.

Wenn niemand Zeit hat. Eine Aufnahme im Monat braucht zwei Stunden pro Person, und die muss jemand freistellen. Wer das nicht kann, sollte nicht anfangen.

Und wenn ihr nächste Woche fünf Leute braucht. Ein Podcast wirkt über Monate. Für den akuten Engpass sind Anzeige, Prämie und das persönliche Telefonat schneller. Der Podcast sorgt dafür, dass ihr diesen Engpass im nächsten Jahr seltener habt.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis ein Recruiting-Podcast wirkt?

Rechne mit sechs Monaten und rund zwölf Folgen, bevor Bewerberinnen eine Folge im Gespräch erwähnen. Vorher baut der Podcast Bekanntheit in der Region auf. Wer nach drei Folgen aufhört, hat das Geld umsonst ausgegeben.

Müssen unsere Mitarbeitenden gut reden können?

Nein. Sie müssen über etwas reden, das sie gut können. Wer über die eigene Arbeit erzählt, wird nach ein paar Minuten locker. Nervös macht das Mikrofon nur, wenn jemand vorgefertigte Sätze aufsagen soll.

Brauchen wir dafür ein eigenes Studio?

Nein. Aufgenommen wird im Haus, in einem ruhigen Raum mit mobilem Equipment. Das ist für Pflegekräfte im Schichtbetrieb ohnehin einfacher als eine Fahrt ins Studio.

Was kostet so ein Podcast?

Für Institutionen arbeite ich in Staffeln, die mit Paketen zu je drei Folgen starten. Die aktuellen Preise stehen auf der Seite Zusammenarbeit.

Eure besten Leute reden schon. Draußen hört sie nur keiner.

In 15 Minuten schauen wir, ob ein Podcast bei euch das richtige Werkzeug ist. Wenn nicht, sag ich es dir.

15 Minuten Hörbar-Check

Über den Autor

Daniel Friesenecker ist Hörbarmacher und podcastet seit 2006. Über 1.000 Episoden, European Podcast Award, diplomierter systemischer Coach und Autor des Buchs „Hörbar Echt!“. Im TeddyLab in Linz baut er Organisationen, deren wichtigstes Kapital Vertrauen ist, ihr eigenes Medium. Mehr über Daniel

Damit die Guten nicht die Leisen bleiben.

Inhalt

15 Minuten Hörbar-Check

Gibt es bei euch ein Thema, über das keiner laut redet, obwohl alle es kennen?

15 Minuten, kein Pitch.

15 Minuten Hörbar-Check

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